Eine Zugfahrt nach Dortmund – eine Reise Richtung Europäische KI-Regulierung?

Wie landet man als Berlinerin in Dortmund? Wie müssen KI-Algorithmen in Europa aussehen? Und was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?
Ein Beitrag von Thea Radüntz

Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges
© Daniel Frese / pexels

Im ICE von Berlin nach Dortmund habe ich kurz Zeit zum Durchatmen, bevor es mit dem zweiten Teil des Umzugs (dem Auspacken) weiter geht. Plötzlich ging alles rasant schnell: Bewerbungsgespräch, Zusage, Kita- und Wohnungssuche. Als hätte alles so kommen sollen. Mit Kind und Kegel sitze ich in der Bahn, und während Kühe und Bäume am Fenster vorbeiziehen, rauscht auch mein bisheriges Leben an mir vorbei.

Geboren bin ich in Berlin, wo ich auch zur Schule gegangen bin. An der Humboldt-Universität zu Berlin habe ich Informatik studiert und in dem Fach promoviert und habilitiert. Anschließend habe ich die Lehrbefugnis für das Fach Informatik verliehen bekommen. Als Privatdozentin erwächst mir die Verpflichtung zur regelmäßigen Durchführung von Lehrveranstaltungen in Berlin. Dieser Verpflichtung werde ich jetzt digital nachkommen müssen. Zum Glück ist das seit der Pandemie wie selbstverständlich möglich.

Parallel zu all dem habe ich gearbeitet. Angefangen bei der EU-Kommission in Luxemburg, eine Stelle, für die ich das erste Mal für ein paar Monate Berlin verlassen habe. Das ist mir damals so schwergefallen. Und wie froh war ich, als ich wieder in Berlin zurück war und in einem IT-Consulting-Unternehmen die Bundesdruckerei als Kunden betreuen durfte. Unter meiner Leitung haben wir damals das Patentproduktionssystem migriert und ein IT-Ticket-System etabliert.

Erste Begegnungen mit maschinellem Lernen

Doch die Forschung war verlockender. Ich wechselte in das Institut für Mathematik der TU Berlin und beschäftigte mich mit Biometrie. Anhand von 2,5D-Daten und Methoden des maschinellen Lernens sollte eine Gesichtserkennung ermöglicht werden. Im Mai 2011 fing ich dann an, bei der BAuA in Berlin zu arbeiten. Ich war nun für das neurophysiologische Labor der damaligen Gruppe "Mentale Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit" verantwortlich – und das unbefristet. Hier, dachte ich damals, kann ich alt werden. Mein Fachwissen bzgl. maschinellem Lernen benutzte ich jetzt, um Artefakte aus dem Elektroenzephalogramm zu entfernen und um eine Methode zur Ermittlung der psychischen Beanspruchung aus der Gehirnaktivität zu ermitteln. Die Methode wurde zunächst im Labor mit standardisierten Aufgaben entwickelt und später im Feld validiert. Diese Feldforschung brachte mich für einige Monate nach Braunschweig, zum Institut für Flugführung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Hier testeten wir die neue KI-basierte Methode zur Beanspruchungsdetektion unter realitätsnahen Bedingungen. Fluglotsen interagierten dabei mit Pseudopiloten und bearbeiteten verschiedene Belastungsszenarien in einer Simulation. Die neue intelligente Methode konnte die verschiedenen Belastungen bei den Fluglotsen unterscheiden, die auch selber angaben, unterschiedlich stark beansprucht worden zu sein. Bei Fluglotsen, die keine Unterschiede zwischen den Belastungsszenarien wahrnahmen, konnte die KI-Methode auch aus der Gehirnaktivität keine identifizieren.

Nun folgte eine kleine Unterbrechung – Corona, Mutterschutz, Habilitation und Elternzeit – und eine Organisationsänderung in meinem damaligen Fachbereich "Arbeit und Gesundheit". Das neurophysiologische Labor wurde der Gruppe "Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen" zugeordnet und musste sich in dem Kontext neu definieren. In diesem Sinne entwickelte ich ein neues Projekt zum Einfluss von Sitzunterbrechungen auf die psychische und körperliche Gesundheit. Parallel dazu engagierte ich mich auch fachbereichsübergreifend: Ich unterstützte Projekte der Gruppe "Physikalische Faktoren", wo der Einfluss von Lärm oder Licht auf die psychische Beanspruchung und kognitive Leistungsfähigkeit mit Hilfe des Elektroenzephalogramms erforscht werden sollte.

Nächste Station: Dortmund (und irgendwie auch Brüssel)

Wer hätte damals gedacht, dass ich bald Berlin verlassen würde, um die neue KI-Gruppe im Fachbereich „Produkte und Arbeitssysteme“ in der BAuA in Dortmund zu leiten? Die erste Aufgabe, die nun in Dortmund auf mich wartet, ist die Auswahl von drei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die zusammen mit mir die neue Gruppe konstituieren werden. In die neue Gruppe übernehme ich aber auch vier KI-Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und freue mich, diese im Rahmen ihrer Promotionsforschung begleiten zu dürfen.

Thematisch steht ganz klar die Ausgestaltung von Themen des kommenden KI-Rechtsakts der EU-Kommission im Kontext der Arbeitswelt im Mittelpunkt. Die KI-Verordnung der EU-Kommission soll das weltweit erste Gesetz werden, das KI reguliert. Sie betrifft nicht nur Dienste wie ChatGPT, sondern auch Software in Personalabteilungen oder intelligente Kameras, die Verhaltensmuster identifizieren können. Sie betrachtet KI-Systeme in der Medizin, Bildung und Justiz und will Grenzen setzen, in welchen Bereichen KI auf keinen Fall zur Anwendung kommen darf. Es werden vielfältige Regeln definiert, an die sich die Hersteller von KI zu halten haben. Für die Bewältigung dieser Herausforderungen muss die zukünftige fachliche Aufstellung der Fachgruppe "KI in der Arbeitswelt" sich mit Themen wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit, Repräsentativität und Fehlerfreiheit oder Schutz von Privatsphäre und Datensouveränität aus Sicht der Informatik beschäftigen.

In der neuen Gruppe werde ich mich also diesen neuen Herausforderungen stellen. Ich finde es spannend, einen Beitrag dazu zu leisten, die positiven Effekte künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt zu verbessern und zu verstärken sowie zur Gestaltung einer menschenwürdigen Zukunft in einer digitalisierten Welt Verantwortung tragen zu dürfen. Vielleicht werde ich nun in Dortmund alt. Ob das irgendeine KI je hätte voraussagen können?

Zitiervorschlag

Radüntz, Thea, 2024. Eine Zugfahrt nach Dortmund – eine Reise Richtung Europäische KI-Regulierung? Die neue Leitung der Gruppe "Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt" zieht ein [online]. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Verfügbar unter: https://www.baua.de/DE/Forschung/Projektblogs/KI-Blog/Artikel/KI-zugfahrt.html

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